Sonntag, 22. Januar 2012

„Ich hasse meine eigene Unfähigkeit“


Pu Yi versucht sich während seiner Zeit im Gefängnis
in Handarbeit
Auch nach über 3 Jahren in Gefangenschaft war Pu Yi in vielen Arbeiten unfähig, sie ohne die Hilfe anderer zu erledigten. So z.B. brauchte er weiterhin Hilfe beim Zellendienst usw. Ich hatte eigentlich schon früher damit gerechnet, dass viele seiner ex-Minister und gewisse Verwandte anfangen würden, sich gegen ihn zu stellen. Anfangs haben sie zwar in Sachen Kriegsverbrechen gegenüber der Gefängnisleitung noch dicht gehalten, doch sie gingen Pu Yi vermehrt aus dem Weg, sodass er sich immer öfters alleingelassen vorkam.
Was das Ganze noch schlimmer machte war, dass der ehemalige Kaiser immer wieder öffentlich blossgestellt wurde, sogar von seinen Neffen.
Als er einmal mehrere Wochen lang krank im Bett lag, hatte er Zeit über seine Vergangenheit nachzudenken und zum ersten Mal schrieb er über all die Gräueltaten der Japaner, über die er jahrelang hinweggesehen hatte. Beim Lesen spürte ich eine Art Reue, die ich zuvor von Pu Yi nie gespürt hatte. Es kam mir vor, als würde er wünschen alles rückgängig machen zu können. Er fing also an die Japaner zu verachten, für all das Abscheuliche, das sie seinem Volk und nun auch ihm selber angetan hatten.
Weil die Gefängnisleitung immer wieder betonte, dass die Kommunisten jenen Personen vergeben würden, die aus eigenem Willen geständig wären, die Personen jedoch hart bestrafen würden, die die Wahrheit verleugneten, kam Pu Yi zum Entschluss in einem Brief alle seine Verbrechen offen zulegen. Was ich persönlich für unglaublich kühn halte, denn er hat nicht nur Hochverrat am Vaterland begangen, sondern hielt es jahrelang nicht für nötig darüber zu reden. Aber genau das wollte ja die „Neue chinesische Regierung“, denn das war für sie ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man seine eigenen Taten verabscheut.
Was mich jedoch am meisten verwunderte, waren die Zeilen, in denen er schrieb, dass er zum ersten Mal in seinem Leben über seine Erziehung durch die Kaiserinwitwe und seine Mütter nachdachte, und darüber unglücklich schien. Er fragte sich, warum gerade er zum Kaiser ernannt wurde und nicht einer seiner Brüder. Er konnte nicht begreifen, weshalb man ihm keinerlei praktische Kenntnisse beibrachte. Er fühlte sich wie ein unfähiger Ignorant. Er schob die Schuld, weshalb er im Gefängnis von der Umgebung schlecht behandelt wurde, auf seine Erziehung durch Tze Hsi ab. Im Jahr 1953 schrie er während einer Versammlung: „Ich hasse den Ort, wo ich aufgewachsen bin! Ich hasse jenes ganze verruchte System!“ Dies zeugt für mich von seinem Wandel, denn zum ersten Mal war er ehrlich mit sich selbst und erfand keine Ausreden mehr.
Im Jahr 1954 wurde ihm ein Stapel von Aussagen von anderen Insassen vorgelegt, die ihr Versprechen, niemandem von der Zeit in Mandschuguo und von der Zusammenarbeit mit den Japanern, gebrochen hatten. Pu Yi musste die Anschuldigungen und Geschichten durchlesen und diejenigen unterschreiben, die er als wahr ansah. Die Geschichten reichten von der Zeit in der Verbotenen Stadt, wo er seine Eunuchen foltern liess, bis zu seiner Zeit als Kaiser von Mandschuguo, und seiner geheimen Zusammenarbeit mit den Japanern. Obwohl Pu Yi alle unterschrieb, hatte ich das Gefühl, dass er nicht unglücklich darüber war, dass bald alles ans Licht kommen würde, da er ja nun bereits jahrelang mit der Angst gelebt hatte, die Kommunisten würden ihn foltern oder töten.
Eine weitere Situation, bei der ich merkte, dass Pu Yi ein schlechtes Gewissen hatte, war, als er zu einem Verhör gebeten wurde und sich ausmalte dort gefoltert und geschlagen zu werden, so wie er es früher mit seinen Eunuchen und Dienern getan hatte, wenn er die Wahrheit aus ihnen prügeln wollte. Doch es kam ganz anders. Wie bereits in den vergangenen Jahren wurde er nie geschlagen oder von der Gefängnisleitung oder den Regierungsbeamten beschimpft. Er merkte nun, dass man auch durch Vergebung und nettes Verhalten den Gefangenen und Unterstellten gegenüber zur Wahrheit kommen konnte. Er fühlte sich wieder schlecht für die Taten, die er seinen Dienern dazumal angetan hatte.
Ein weiterer Gedanke, der mich immer öfters verfolgt, ist die Tatsache, dass Pu Yi noch nie etwas Schlechtes über den Kommunismus geschrieben hat. Er schreibt immer nur vom zuvorkommenden Verhalten ihm gegenüber, vom Sieg gegen die Amerikaner und wie sie das chinesische Volk von den Japanern befreiten. Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass er wirklich so über das „Neue China“ dachte, auch wenn sie ihn bisher verschonten und am Leben liessen. Wurde er auf seine alten Tage hin doch noch ein Kommunist oder wurde er von der Regierung zu diesem Buch unter Druck gestellt und musste den Kommunismus in ein gutes Licht stellen?
Ich hoffe die letzten Seiten werden diese Frage beantworten.

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