Montag, 23. Januar 2012

Pu Yi's Wandel


Pu Yi war bereits über 5 Jahre im Gefängnis, als er zum ersten Mal mit sich zufrieden war und von anderen Häftlingen sogar für seine Fortschritte gelobt wurde. Tatsächlich erzählt Pu Yi, wie er sich zwar weiterhin langsam aber doch immer besser alleine zurechtfand und seine Wäsche inzwischen sogar gleich schnell erledigt hatte wie die anderen Insassen. Auch in anderen Aktivitäten, bei denen er bislang ganze Arbeitsgruppen durch sein unbeholfenes und langsames Arbeiten aufgehalten hatte, wurde er immer mehr zu einer wichtigen Person. Gleichzeitig stieg sein Selbstvertrauen massiv und er konnte zum ersten Mal seit Jahren wieder ruhig schlafen.
Doch immer wieder gab es Kritikpunkte der Gefängnisleitung oder Konfrontationen mit anderen Häftlingen, die ihn wieder auf den Boden zurückholten. Immer öfters zitiert er Ratschläge, die ihm von verschiedenen Leuten auf den Weg gegeben wurden. Ein Kritikpunkt, der mir besonders im Gedächtnis blieb, ist folgender Satz vom Direktor: „Der Zweite Weltkrieg hat aus dir, dem Kaiser, einen Gefangenen werden lassen. Nun kommt für deine Gedankenwelt ein weiterer grosser Krieg, und dieser Krieg wird aus dem Kaiser einen gewöhnlichen Arbeiter machen. Du hast schon die Erfahrung machen können, dass ein Kaiser wirklich nichts ist, trotzdem ist der Krieg noch nicht zu Ende, weil du dich selbst noch immer für etwas anderes hältst als die Übrigen. Du musst dir über dich selbst klarwerden!“ Kurz: Pu Yi führte sich auch nach 5 Jahren immer noch wie etwas Besseres auf und hatte sich immer noch nicht vollkommen an das einfache Leben gewöhnt. Dies fiel mir bereits beim Lesen immer wieder auf, da er öfters in etwas hochnäsiger Art und Weise anderen Insassen antwortete und zeitweise erstaunt war, wenn man ihn Pu nannte. Zudem schrieb er, dass er regelmässig von Mitgefangenen blossgestellt wurde, da er oft nach dem Waschen vergass den Wasserhahn zuzudrehen oder die Tür hinter sich wieder zu schliessen. Das waren alles Dinge, die seine Eunuchen und andere Diener viele Jahre lang für ihn erledigt hatten.
Nach 7 Jahren in Haft bekamen die Häftlinge zum ersten Mal die Gelegenheit Verwandte zu sehen und zu sprechen. Pu Yi war zu Tränen gerührt, als er seinen Onkel und andere Verwandte sah. Sie berichteten ihm, dass es ihnen draussen in der „Neuen Gesellschaft“ prächtig ging und sie sogar in kommunistischen Jugendverbänden oder der kommunistischen Partei beigetreten waren. Dies zeigte Pu Yi, dass sich alles um ihn herum im Wandel befand. Dass veranlasste ihn wohl noch härter an sich zu arbeiten.
Wie bereits gesagt, war man der Ansicht, dass eine Person nur ein „neuer Mensch“ werden konnte, wenn sie mit ihrer eigenen Vergangenheit im Einklang stand - und dies  versuchte Pu Yi.  Zu der Zeit, als das „Neue China“ nicht nur militärische Siege einfahren konnte sondern auch wirtschaftlich einen rasanten Aufschwung erlebte, fühlte Pu Yi eine Art Stolz Chinese zu sein. Bisher hatte er ja persönlich nicht sehr viel mit der einfachen chinesischen Bevölkerung zu tun gehabt, da er die meiste Zeit hinter irgendwelchen Palastmauern lebte. Und durch dieses „neue China“,  betrachtete Pu Yi zum ersten Mal seine Politik und die der Kaiser vor ihm als schwach. Nicht nur war man der restlichen Welt in vielen Dingen unterlegen, nein, man wurde sogar, wie er jetzt sagte, von den Ausländer gedemütigt. Jahrelang liessen er und Tze Hsi es zu, dass Ausländern bewaffnet in China einmarschierten, plünderten, töteten und brandschatzten. Er sagt sogar, das chinesische Volk wurde zu Sklaven gemacht! Plötzlich schämte er sich für diese Zeit und ich glaube, dies war der Augenblick, in dem Pu Yi anfing den Kommunismus nicht nur zu verstehen sondern auch hinter dessen Ideologie zu stehen. Er zieht dabei den Vergleich zwischen den 109 Jahren vor der Gründung der Volksrepublik China und den Jahren seit der Revolution, und da erkennt er, dass es dem Volk um einiges besser geht dank dem Kommunismus.
Dies gab ihm enorm Elan: Er wurde zu einem der besten Arbeiter im Gefängnis und wollte sogar Hilfsarzt werden, weshalb er fleissig Medizinbücher studierte. Nun war er endlich der Ansicht, dass er womöglich doch lebend aus der Haft entlassen werden würde.
Zum Schluss noch ein Punkt, der mich ungemein verwundert hat: Pu Yi beschreibt, wie der Gefängnisdirektor und andere Beamte, den Häftlingen beim Transport von Kohle halfen. So etwas wäre heutzutage in vielen Ländern undenkbar

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