Samstag, 21. Januar 2012

Zeit hinter Gitter und Pu Yi's neue Erfahrungen

Wie bereits erwähnt, wurde Pu Yi während seinem Gefängnissaufenthalt in der UdSSR sehr gut behandelt und versorgt. Er selber war sich ja sicher, er würde nie mehr chinesischen Boden lebend betreten können, doch es kam anders.
Die Gefängnisleitung  im chinesischen Gefängnis  gab den Insassen, wie auch in der Sowjetunion, Bücher und Zeitungen zum Studieren und liess sie sogar Radio hören. Pu Yi und die anderen Gefangenen wussten nie, weshalb man sie zum Studieren bringen wollte. Sie waren ja der Ansicht, dass sie früher oder später hingerichtet würden. Deshalb verzichteten viele auf intensives Studieren der kommunistischen Bücher. Zuerst war ich mir nicht sicher, wieso man Pu Yi die kommunistische Denkweise eintrichtern wollte. Erst als Pu Yi im Buch einen Regierungsbeamten zitiert, der den Häftlingen zu erklären versuchte, wieso die Regierung wollte, dass sie sich bildeten, wurde mir klar, dass es dem „Neuen China“ an fähigen Leuten fehlte, die das Land führen konnten. Deshalb wurde alles unternommen um Pu Yi und seine ex-Minister vom Kommunismus zu überzeugen. Pu Yi konnte jedoch weiterhin nicht viel mit den Büchern und Zeitschriften anfangen, da er sich, wie er selber zugab, nie wirklich für Politik interessierte. Er wollte aber bei der Regierung Eindruck schinden, in der Hoffnung vielleicht doch eines Tages frei zu kommen, und las deswegen die Bücher trotzdem.
Für mich war von diesem Moment an klar, dass die Regierung nicht vorhatte Pu Yi zu töten, denn wieso sollte er sich sonst weiterbilden?
Auf Rat seines Schulungsleiters hin, verfasste Pu Yi während seines Aufenthalts im Gefängniss von Harbin seine erste Autobiografie. Denn der Schulungsleiter war der Ansicht, ein Mensch müsse zuerst die Vergangenheit verstehen und über die eigene Geschichte nachdenken, bevor er sich ändern oder reformieren kann.
Pu Yi, der immer noch unter Wahnvorstellungen litt und in Angst lebte, sah darin nur einen Versuch der Regierung, die wahren Hintergründe seiner Zusammenarbeit mit den Japanern herauszufinden. Deshalb verharrte er auf seiner Geschichte von der Erpressung durch die Japaner. Ich denke jedoch nicht, dass dies der Grund für diesen Auftrag war, denn wenn die Regierung Pu Yi hätte überführen oder umbringen wollen, hätten sie es wohl bereits getan. Ich glaube wirklich, dass man Pu Yi wieder in die Regierung einbringen wollte. Er zitiert sogar einen Abschnitt aus der Autobiografie, in der er schreibt, dass er die Not und das Elend des Volkes kaum mit ansehen konnte und dass es ihn schmerzte, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Also eigentlich eine reine Lüge, und so wie ich dieses Zitat deute, findet er diese Zeilen jetzt sogar lächerlich und kann selber kaum glauben, so etwas geschrieben zu haben.

Ein anderer Aspekt, der mich zwar nicht überrascht jedoch trotzdem schockiert hat, ist, dass Pu Yi, laut eigener Aussage, unfähig war für sich selber zu sorgen. In den ersten Wochen seiner Gefangenschaf in China durfte er noch mit seinen Neffen und anderen Verwandten, die ihm wie Diener dienten, in einer Zelle leben. Doch dann wurde er in eine andere Zelle gebracht und war auf sich allein gestellt. Dadurch, dass er nie Waschen gelernt hatte, lief er stets mit den dreckigsten Kleidern herum und sah so ungepflegt aus, dass er sogar öffentlich vom Gefängnisleiter blossgestellt wurde. Später bekam er den Rat, dass nur die Menschen, die aus den Vorzügen anderer zu lernen vermögen, selber Fortschritte erzielen können. In den folgenden Tagen versuchte er vieles von seinen Mithäftlingen zu lernen, so dass er mit der Zeit gewisse Dinge wie ein normaler Mensch tun konnte. Er wurde sogar für den Zellendienst (Boden schrubben, Essen servieren usw.) eingeteilt und diente zum ersten Mal in seinem Leben anderen Menschen.
Zudem viel mir auf, dass die Wärter und Mitgefangenen anfingen Pu Yi zu duzen, was für ihn sicherlich auch etwas ganz Neues war. So wurde er zu dieser Zeit zum ersten Mal Pu Yi genannt, was für ihn anfänglich beleidigend war, doch er gewöhnte sich schnell daran. Zuerst war ich mir sicher, dass man ihn nun zum ersten Mal in seinem Leben wie einen „normalen“ Menschen behandelte. Doch weit gefehlt. Zwar wurde er von seinen ex-Ministern und Wärtern nicht mehr wie ein Kaiser angesprochen, doch zeigten sich weiterhin kleine Bevorteilungen. Er bekam z.B. den bevorzugten und besten Platz in einer Zelle (im Winter nahe an der Heizung, im Sommer beim Fenster), als er umziehen musste.
Er wurde also doch noch wie etwas Besonderes angesehen und dies war ihm mehr als recht, denn er war ja im Alltag vor allem auf die Hilfe seiner Neffen und anderen Insassen angewiesen.

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