Wie
bereits erwähnt, wurde Pu Yi während seinem Gefängnissaufenthalt in der UdSSR
sehr gut behandelt und versorgt. Er selber war sich ja sicher, er würde nie
mehr chinesischen Boden lebend betreten können, doch es kam anders.
Die Gefängnisleitung im chinesischen
Gefängnis gab den Insassen, wie auch in
der Sowjetunion, Bücher und Zeitungen zum Studieren und liess sie sogar Radio
hören. Pu Yi und die anderen Gefangenen wussten nie, weshalb man sie zum
Studieren bringen wollte. Sie waren ja der Ansicht, dass sie früher oder später
hingerichtet würden. Deshalb verzichteten viele auf intensives Studieren der
kommunistischen Bücher. Zuerst war ich mir nicht sicher, wieso man Pu Yi die
kommunistische Denkweise eintrichtern wollte. Erst als Pu Yi im Buch einen
Regierungsbeamten zitiert, der den Häftlingen zu erklären versuchte, wieso die
Regierung wollte, dass sie sich bildeten, wurde mir klar, dass es dem „Neuen
China“ an fähigen Leuten fehlte, die das Land führen konnten. Deshalb wurde
alles unternommen um Pu Yi und seine ex-Minister vom Kommunismus zu überzeugen.
Pu Yi konnte jedoch weiterhin nicht viel mit den Büchern und Zeitschriften
anfangen, da er sich, wie er selber zugab, nie wirklich für Politik
interessierte. Er wollte aber bei der Regierung Eindruck schinden, in der
Hoffnung vielleicht doch eines Tages frei zu kommen, und las deswegen die
Bücher trotzdem.
Für mich war von diesem Moment an klar, dass die Regierung nicht vorhatte Pu Yi
zu töten, denn wieso sollte er sich sonst weiterbilden?
Auf Rat seines Schulungsleiters hin, verfasste Pu Yi während seines Aufenthalts
im Gefängniss von Harbin seine erste Autobiografie. Denn der Schulungsleiter
war der Ansicht, ein Mensch müsse zuerst die Vergangenheit verstehen und über
die eigene Geschichte nachdenken, bevor er sich ändern oder reformieren kann.
Pu Yi, der immer noch unter Wahnvorstellungen litt und in Angst lebte, sah
darin nur einen Versuch der Regierung, die wahren Hintergründe seiner
Zusammenarbeit mit den Japanern herauszufinden. Deshalb verharrte er auf seiner
Geschichte von der Erpressung durch die Japaner. Ich denke jedoch nicht, dass
dies der Grund für diesen Auftrag war, denn wenn die Regierung Pu Yi hätte überführen
oder umbringen wollen, hätten sie es wohl bereits getan. Ich glaube wirklich,
dass man Pu Yi wieder in die Regierung einbringen wollte. Er zitiert sogar
einen Abschnitt aus der Autobiografie, in der er schreibt, dass er die Not und
das Elend des Volkes kaum mit ansehen konnte und dass es ihn schmerzte, dass er
nichts dagegen unternehmen konnte. Also eigentlich eine reine Lüge, und so wie
ich dieses Zitat deute, findet er diese Zeilen jetzt sogar lächerlich und kann
selber kaum glauben, so etwas geschrieben zu haben.
Ein anderer Aspekt, der mich zwar nicht überrascht jedoch trotzdem schockiert hat,
ist, dass Pu Yi, laut eigener Aussage, unfähig war für sich selber zu sorgen.
In den ersten Wochen seiner Gefangenschaf in China durfte er noch mit seinen
Neffen und anderen Verwandten, die ihm wie Diener dienten, in einer Zelle
leben. Doch dann wurde er in eine andere Zelle gebracht und war auf sich allein
gestellt. Dadurch, dass er nie Waschen gelernt hatte, lief er stets mit den
dreckigsten Kleidern herum und sah so ungepflegt aus, dass er sogar öffentlich
vom Gefängnisleiter blossgestellt wurde. Später bekam er den Rat, dass nur die
Menschen, die aus den Vorzügen anderer zu lernen vermögen, selber Fortschritte
erzielen können. In den folgenden Tagen versuchte er vieles von seinen
Mithäftlingen zu lernen, so dass er mit der Zeit gewisse Dinge wie ein normaler
Mensch tun konnte. Er wurde sogar für den Zellendienst (Boden schrubben, Essen
servieren usw.) eingeteilt und diente zum ersten Mal in seinem Leben anderen
Menschen.
Zudem viel mir auf, dass die Wärter und Mitgefangenen anfingen Pu Yi zu duzen,
was für ihn sicherlich auch etwas ganz Neues war. So wurde er zu dieser Zeit
zum ersten Mal Pu Yi genannt, was für ihn anfänglich beleidigend war, doch er
gewöhnte sich schnell daran. Zuerst war ich mir sicher, dass man ihn nun zum
ersten Mal in seinem Leben wie einen „normalen“ Menschen behandelte. Doch weit
gefehlt. Zwar wurde er von seinen ex-Ministern und Wärtern nicht mehr wie ein
Kaiser angesprochen, doch zeigten sich weiterhin kleine Bevorteilungen. Er
bekam z.B. den bevorzugten und besten Platz in einer Zelle (im Winter nahe an
der Heizung, im Sommer beim Fenster), als er umziehen musste.
Er wurde also doch noch wie etwas Besonderes angesehen und dies war ihm mehr
als recht, denn er war ja im Alltag vor allem auf die Hilfe seiner Neffen und
anderen Insassen angewiesen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen